VI - Ein Windstoß
Dieser Nachmittag war anders als die anderen. Es war plötzlich gut, Pappe zu zerkleinern. Ich am richtigen Platz. Hier gab es keinen Schreibtisch und keinen Computer. Meine Hände waren mein einziges Werkzeug. Wie schön, hier an dieser Verladerampe arbeiten zu können! Wie schön, hier draußen die Jahreszeiten zu spüren, während andere sich in Büros abrackerten!
Es war jetzt fünf Uhr nachmittags. Nicole und ich hatten vor sechs Stunden zum ersten Mal voneinander gehört, doch es war, als hätten wir schon lange gekannt. Bis jetzt hatten wir uns jeweils vierzig SMS geschickt. Sie war Friseurin; nicht fertig ausgebildet, aber mit Leidenschaft. Sie fand es wichtig, welche Frisur Menschen trugen. Sie glaubte, wer seine Haare nicht färbe, hätte einfach nicht genug über sein Leben nachgedacht. Leider gab es zurzeit keinen Salon in Eisenhüttenstadt, der eine Fachkraft brauchte. Ihr Plan war, zu warten, bis wieder eine Stelle frei würde. Sie wusste, dass in mindestens zwei der sieben Friseursalons der Stadt Friseurinnen angestellt waren, die über sechzig waren. In spätestens fünf Jahren also käme ihre Chance. Sie war großmäulig, clever und ziemlich entspannt, was Ihr Leben anging. „Ik mach mir eigentlich keine Sorgen“, schrieb sie.
Was ich tat, bewunderte sie. „Find icj cool. Würd ooch gern sowas machen. Mit Geld und so.“ Ich war verliebt. Ich stellte sie mir wunderschön vor. Wahrscheinlich hatte sie braune Augen und dunkles Haar. Sie würde viel lachen und ständig Witze machen. Sie würde bestimmt gern Reisen. So Trekkingsurlaube. Und - ich war mir nicht sicher, aber Gefühl sagte mir das - wahrscheinlich würde sie sich auch für Politik interessieren. Hoffentlich war sie nicht für die CDU!
Ob sie Blumen mochte? Ich hatte noch etwa 75 Euro für die nächsten drei Wochen auf dem Konto, zwanzig Euro für einen Strauß könnte ich mir also leisten. Sicher mochte sie Blumen. Während Fuessner Pause machte, schlich ich mich in sein Büro und schickte ihr Rosen.
Wie schön die Heimfahrt war! Ich beschrieb ihr per SMS jede der zwölf U-Bahn-Stationen, an der ich vorbei fuhr, während sie die Menschen beschrieb, die vor ihrem Fenster auf der Eisenhüttenstädter Hauptstraße vorbeiliefen. Ich hatte mehr zu schreiben. Dann schauten wir zusammen einen Krimi. Es war, als habe sich meine große Liebe in Form eines Handys materialisiert. Über die SMS hatten wir ständigen Kontakt. Telefonieren war im Vergleich viel teurer und ging nur manchmal.
Später, wir lagen im Bett, wurde sie plötzlich ernst. Ihre SMS klang anders die davor.
„Du, Christian?“
„Ja, Nicole?“
„*fluester* Ich liebe Dich.“
Ich war bewegt. Da war sie nun also, die Liebe. Ich hatte sie sonstwo gesucht. Und nun fand sie mich in einem Zoofachmarkt. Sie würde mich begleiten, da war ich mir sicher. Nach Amerika und bis ans Ende der Welt.
„Ich Dich auch.“
Wir schliefen in dieser Nacht erst spät ein. Erleichtert und ruhig.
Am nächsten Morgen schien die Sonne. Leichtfüßig sprang ich aus dem Bett, drehte die Musik auf und tanzte zu Musik von Elvis. Ich warf Obst in den Mixer, während ich die Zeitungsnachrichten überflog, die Kaffeemaschine befüllte und ein Brot schmierte. Ich tanzte durch die Wohnung, machte Handstand vor dem Klobecken und sang den „Jailhouse Rock“ vom Balkon. Bereits seit einer Stunde musste ich eigentlich arbeiten. Es war mir egal.
Nachdem ich unter der Dusche das gesamte „Aftermath“-Album der Stones durchgesungen hatte, tanzte ich in mein Zimmer. Ich zog mich an. Mein Handy. 9 neue Nachrichten. Ich las sie nacheinander durch.
4:29 “Hey! schläfst Du schon? Oder bist Du noch wach!?!“
5:10 „Es is so: I miss you!“
5:20 „Du nicht? Warum sagst DU ncihts?“
5:42 „Ick weiß nich, ob Du schläfst oder mich verarscht. Hab ich was Falsches gesagt?“
6:19 „Please talk to me! I need your love!!!!!!!!!“
6:37 „Oh Mann, ich heul seit ner halben Stunde. Was hab ich Dir denn bloß getan?“
7:24 „Das Du so Scheiße sein kannst ….!!!“
7:46 „Ich brauch sowas echt nicht mehr.. Bin oft genug sitzengelassen worn.“
8:17 „FIKK DICH INS KNIE, Du blöde Pisnelke!!!!!“
Fuessner bestrafte mich mit einer Extraschicht Sheba-Dosen sortieren, nicht ohne mir vorher eine Standpauke über den Wert von Verantwortung und Disziplin zu halten. Draußen begann es zu regnen. Es sollte die nächsten fünf Tage anhalten.
Ich habe den ganzen Tag versucht, Nicole zu erreichen. Und den danach. Und den danach auch. Ich schrieb Ihr, dass ich nicht wüsste, was los sei. Dass sich für mich nichts geändert habe. Dass Sie sich endlich melden solle. Doch sie antwortete nicht mehr. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.