V - Ein kleines Licht

Es war April.
Seit zwei Monaten war ich jetzt bei Fuessner angestellt und nichts war gut geworden. Im Laden war ich noch immer für die Warenlieferungen und das Zerkleinern von Pappe zuständig. Fuessner glaubte, mir mit der Zuteilung dieser beknackten Arbeit eine wertvolle Lektion zu erteilen. Als ich ihn einmal bat, mir mehr über Betriebswirtschaft zu erzählen, sagte er: „Das kommt später. Jetzt musst Du erstmal arbeiten lernen.“ Er versuchte, dabei weise auszusehen. Wahrscheinlich fühlte er sich ein wenig wie der alte Mr.Miyagi aus “Karate Kid”. Ich verließ sein Büro und machte mich wieder an die Pappe.
Fuessner weder weise noch erfahren. Er hatte das Geschäft vor fünf Jahren, direkt nach seinem BWL-Studium, von seinem Papa geerbt. Den alten Papageienfutterladen hatte er zu einem modernen „Alles-für-ihr-Haustier“-Unternehmen gemacht, mit einheitlichem Corporate Identity und Super-Knüller-Sonderangebots-Prospekten. Der Laden lief, und das machte Fuessner selbstbewusst. Er hielt für sich energisch, aber liebevoll. Einen Menschen mit liebenswerten Macken. Schlechte Laune, sagte er einmal, mache einen Chef doch erst menschlich. Von sich selbst sprach er immer in der dritten Person als „Chef“.
Die Woche Urlaub, die ich im April genommen hatte, hatte ich betrunken vor dem Fernseher verbracht. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Lange Spaziergänge durch die Stadt deprimierten mich. Freunde hatte ich hier nicht. Also kaufte ich im Supermarkt jeden Tag fünf Dosen Bier, die ich über den Tag aufteilte. Abends, nach den Tagesthemen, kaufte ich manchmal noch ein sechstes. Am vierten Tag meines Urlaubs überkam mich Panik, bald wieder arbeiten zu müssen. Ich kaufte jetzt gleich sechs Biere. Manchmal rief meine Mutter an und fragte, wie es mir ginge. „Gut“, log ich.
Nach einer Woche Dauerrausch in das Geschäft zurückzukehren, war schlimm. Träge und und schlecht gelaunt faltete ich seit mehreren Stunden die Pappe, die eine ganze Woche lang liegen geblieben war. Die ganze Welt roch nach Hamsterpisse und Katzengras. Überall waren Aquarienpumpen, bellende Hunde und das Kreischen von Wellensittichen zu hören. Eine langsame, dumme Bösartigkeit floss durch meinen Kopf; ich dachte an tote Wellensittiche.

Mein Handy klingelte. Am Telefon war eine Frauenstimme, die mich Markus nannte. Sie hatte sich verwählt. Doch sie war der erste Mensch dieses Tages, für den ich nicht der Typ mit der roten Weste war. Ich saugte förmlich an unserem kurzem Gespräch. „Bis bald“, verabschiedete ich sie am Ende des kurzen Gespräches, plötzlich fröhlich. Ein wenig beschwingt zerkleinerte ich einen besonders harten SHEBA-Aufsteller. Kurz darauf brummte mein Handy. Eine neue SMS.

„Entschuldige, aber warum hast du eben gesagt: Bis bald? Du kennst mich doch garnicht.“ stand auf dem Display. Die Frauenstimme.
Ich dachte nach. Warum eigentlich?
„Weiss nicht genau, du klangst aber sehr nett.“ schrieb ich schließlich und begann, 50 leere Stiegen Trill-Wellensittich-Stangen zu zerkleinern. Aquaristik-Bernie erschien auf der Rampe und steckte sich eine Zigarette an.
„Na Chrischie, schön am Arbeiten?“ fragte er, ganz ohne Gemeinheit.
„Ja“, sagte ich. „Muss ja weg, das Zeug.“
„Ja, ist richtig so. Muss ja weg.“ erwiderte er. Schweigend folgte er seinen Rauchblasen, die sich unter dem Vordach der Rampe in meine Richtung waberten, bis sie vom Regen vernichtet wurden. Dort, im Regen, stand ich. Michi verschwand wieder. Es brummte. Eine neue SMS. Die Frauenstimme.
„Ich fand dich auch nett. Lg, Nicole“

Mittags hatte mich Fuessner zum Italiener eingeladen. Während ich meine Spaghetti verschlang, versuchte er, ein persönliches Gespräch mit mir zu führen. Seine selbst zugeschriebene Rolle als liebevoller Sklaventreiber verlangte es, dass er sich und anderen gegenüber regelmäßig den Eindruck erweckte, ihm läge das Schicksal seiner Sklaven am Herzen; er würde sie nur deshalb nachmittagelang stinkende Rinderpansen einzeln abzählen lassen, weil die Welt da draußen genauso sei. Weil wir, seine Kinder, lernen müssten, dass es nirgendwo etwas umsonst gäbe. Und dass man sich von ganz unten nach oben kämpfen könne.

Es interessierte Fuessner aber nicht besonders, wie es mir ging. Also wechselten wir schnell das Thema. Er erklärte mir, warum es im Osten wirtschaftlich nicht läuft. Seine These: Es gibt zu viele faule Schweine dort. „Die Planwirtschaft hat Euch ja alle versorgt. Klar wollt Ihr nicht arbeiten. Aber jetzt versorgen wir Euch. Noch. Ihr müsst lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Das Handy brummte. „Wo wohnst Du eigentlich? Und was machst Du? Würd mich mal interessen.“ Ich verdrückte mich aufs Klo, um ihr in Ruhe zu antworten. „In Hamburg, ich bereite eine Unternehmensgründung in den USA vor. Und Du?“, antwortete ich. Ich rekelte mich. Auf dem Klo roch es entsetzlich nach Klostein, aber ich wollte unbedingt ihre Antwort haben. Und ihr antworten. Dann brummte es. „Bist Du n Manager? Ich wohn in Eisenhüttenstadt, und gerade sitz ich auf meiner Couch und mach nix. Und hast Du auch ne Freundin?“ „Nein“, schrieb ich zurück.

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14 Antworten zu “V - Ein kleines Licht”

  1. Mathias Richel sagt:

    http://twitter.com/mathiasrichel/status/1024092917

  2. Kristy sagt:

    Habe Deine Story über den Zeitzünder gefunden. Erinnert mich ein bißchen an “Fleisch ist mein Gemüse”, nur wesentlich besser! Weiter so! Sehr unterhaltsam, liest sich super! Kristy

  3. Aaron Strontsman sagt:

    Hm, wenn man sich Eibtrag vier so durchliest, hat man das Gefühl, dass du dir an manchen Stellen deinen UDO verdient hast. Und dann … kann man es irgendwie noch klarer machen, dass es sich bei der mysteriösen Firma um “Fressnapf” handelt? Oder soll das gar kein Geheimnis sein?

    @Kristy: Wenn du dir diese Seite mal ansiehst, stellst du sicherlich auch einige Gemeinsamkeiten mit der Zuender-Seite fest: die albernen Hintergründe zum Beispiel (Hasenhitler und fliegende Würste?).

  4. Judith sagt:

    bin auch ueber den zuender auf dich gestoßen - und hab mit freude gelesen was bis jetzt geschah. mehr ! ;)

  5. admin sagt:

    @Aaron: Es handelt sich nicht um einen “Fressnapf”.

  6. Rothe sagt:

    Liest sich sehr gut, die Geschichte, unbedingt weitermachen. Erinnert ein bisschen an Grimms Maerchen, wo die gemobbten Dummen Haense ja immer am Ende den Drachen massakrieren. Das Gemobbt-Werden kann uebrigens jedem passieren, das ist wie In-Hunde-Scheisse treten und sagt nichts aus ueber die Person. Habe mal einen griechischen Arzt kennengelernt, Sohn eines Admirals, der in England arbeitete und von seinen Kollegen immer “Monkey” genannt wurde.

  7. johanna sagt:

    mehr! :)

  8. wut sagt:

    ja mehr davon! wir fühlen mit dir, bürgermeister!

  9. Ralf sagt:

    Liebesgrüße aus Schrottgorod. Schön.

  10. marius sagt:

    super geschichte - ich warte schon ewigkeiten auf die fortsetzung! erinnert mich stark an ein jahr teilzeitarbeit an der broetchentheke - eine schreckliche zeit ;)

  11. resi sagt:

    wann gehts denn hier weiter? bitte bitte. das ist großartig!

  12. admin sagt:

    Danke. Ich beeil mich. Etwas Geduld noch.

  13. Afri sagt:

    Hat mir super gut gefallen. Habe sehr selten mit so wenigen Sätzen so viele reiche Bilder in meinen Kopf=)

  14. Mikn sagt:

    Super, wirklich einzigartig! ;)
    Gut das ich dass hier gefunden habe!

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