IV - Der Bürgermeister

Die Mittagspause war wichtig. Sie dauerte eine Stunde und gab mir die Möglichkeit, zu essen. Früher hatte ich gegessen, wenn ich hungrig war. Nun aber war ich bei Fuessner angestellt. Und Fuessner glaubte, es schade dem Verkauf, wenn die Mitarbeiter seines Ladens mit Privatem beschäftigt seien. Essen war absolut ausgeschlossen. Nicht einmal ein Schokoriegel.

Er hatte einen kleinen Aufenthaltsraum eingerichtet, in dem die acht Mitarbeiter ihre Mittagspause verbringen konnten. Es gab dort drinnen eine Küchenzeile, einen Tisch und zwei Stühle. Aus dem Fenster schaute man auf den Parkplatz des benachbarten Baumarktes. Die, die dort ihre Pause verbrachten, taten dies im Dämmerzustand. Die meisten Gespräche hatten nichts als Thema und endeten abrupt. Nicht, dass jemand etwas Falsches gesagt hätte. Es lohnte einfach nicht, weiterzureden.
Bald mied ich den Pausenraum. Einige Meter vom Laden entfernt gab es einen Dönermann, der zwar miesen Döner machte, aber immer gute Laune hatte. Eines Tages erzählte ich ihm, wo ich herkam und was ich hier tat. Er lächelte, während er das Fleisch vom Spieß abkratzte.

“Und was machst Du, wenn Du die 30.000 Eier hast?”
“Vielleicht in die Politik gehen.” Ich zögerte. Sollte ich ihm sagen, dass ich davon träumte, mal Bundeskanzler zu werden? Lieber nicht.
“Vielleicht werd’ ich ja mal Bürgermeister von Hamburg.”
“Bürgermeister, nicht schlecht!” Er zog seine Augenbrauen nach oben. Offenbar war er von meinem Ehrgeiz überrascht.
“Hier, Bürgermeister, Dein Döner. Drei Mark bitte.”

Ich zog gut gelaunt von dannen. Endlich, glaubte ich, nahm mich wieder mal jemand für voll. Das aber war ein Trugschluss. “Hallo Bürgermeister!”, begrüsste mich der Dönermann von nun an jeden Tag lachend.
Dann bat er mich um gesetzgeberische Hilfe. Jeden Tag hatte er eine neue Bitte.
“Bürgermeister, mach mal ein Gesetz. Ich brauche einen neuen Kühlschrank. Kannst Du da was machen?” Oder: “Bürgermeister, ich hab Fußpilz! Warum wird sowas nicht verboten?” Er hatte unglaublich Spaß dabei. Besonders peinlich wurde es, wenn noch andere Kunden am Stand waren. Er erzählte es einfach jedem: “Hört mal Leute, Ihr dürfts nich’ weitersagen. Aber er hier wird mal Bürgermeister von Hamburg.” Die Leute schauten mich an und lachten. Er lachte. Ich zuerst auch.

Aber dem Dönermann wurde der Gag einfach nicht langweilig. Irgendwann beschloss ich, ihn zu meiden und ab sofort bei Wal-Mart Pommes zu essen. Leider kam auf dem Weg aus dem Laden nicht an ihm vorbei, ohne vom ihm gesehen zu werden. Außerdem schien ihn das nur noch mehr anzuspornen. “Bürgermeister, Du musst unter die Leute, sonst wählt Dich keiner”, feixte er. “Bürgermeister. Du bist schon genauso arrogant wie die anderen Politiker. Vielleicht wähl ich Dich doch nicht.”

Ignorieren half also auch nicht. Nach zwei Wochen beschloss ich, wieder bei ihm zu essen. Ich würde es einfach über mich ergehen lassen. Irgendwann, dachte ich, würde er schon aufhören. “Gut, dass Du da bist, Bürgermeister. Warst auf Dienstreise, was?”, begrüsste er mich. “Sag mal, kannst Du mir helfen? Ich brauch ne neue Frau, meine hat mich vor zwei Jahren verlassen? Da kannst Du doch was anleihern, oder?” Ich aß und schaute in meinen Döner.

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2 Antworten zu “IV - Der Bürgermeister”

  1. c321 sagt:

    Ich wähle Dich zum Dönermeister.

  2. Mathias Richel sagt:

    So Udo, mal Klartext: Weitermachen!
    Bezeichnend tragikomisch übrigens ist, wenn man jetzt schon weiß, was du heute so machst. Ich trockne meine Tränen im Luftstrom der Arroganz, die aus meinem Mund entweicht!

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