III - “Es gibt viele Arschlöcher da draußen”

Nachdem ich Fuessner zugesagt hatte, verbrachte ich meine letzten Wochen in Frankfurt (Oder) mit großspurigen Ankündigungen.
In Hamburg würde ich ins Kulturmilieu einsteigen, prahlte ich. Schließlich hätte ich schon die ersten Leute dort kennengelernt, zum Beispiel im Zoofachmarkt: Ein erst 16-jähriger, aber ziemlich cooler Typ, der mir alles zeigen würde. Die Freunde freuten sich mit mir.
Doch irgendwie ahnte ich, dass es schmerzhaft würde. Schon meine Versuche, eine WG in Hamburg zu finden, zeigten mir, dass ich mich in einem komplett neuen Land würde zurechtfinden müssen. Offenbar verstand ich Mitbewohner-Such-Anzeigen-Codes komplett falsch, denn in den WGs, die ich heraussuchte, traf ich fast nur merkwürdige Leute. Einer führte mich durch eine Wohnung, deren Boden über und über von Kinderspielzeug bedeckt war. “Haben Sie Kinder?”, fragte ich. “Nein, denn die kommen nie wieder”, antwortete der Mann. Ich machte, dass ich wegkam.
Auf St.Pauli schaute ich mir eine WG an, die in der Anzeige mit den Worten “spaßig, freundschaftlich, keine Zweck-WG. Hier herrscht viel Fun!” beschrieben wurde. Es handelte sich um ein betreute WG von Ex-Junkies. Alle fünf Bewohner waren auf ihren Zimmern und nahmen keine Notiz von mir. Der Sozialarbeiter, der mich durch die Wohnung führte, nutzte die selbe merkwürdige Sprache der Anzeige. “Wir sind hier spritzig und halten zusammen”, sagte er. “Kameradschaft ist ganz klar vorhanden.” Gelangweilt schaute er durch mich hindurch, während er die Wohnung bewarb.
Schließlich landete ich bei Lisa. Sie war der erste Mensch an diesem verregneten Tag, der mich anlächelte. “Komm rein!” begrüsste sie mich an der Tür und hüpfte in die Küche, um mir einen Pfefferminztee zu machen. Ich wusste sofort, dass ich hier richtig war. Lisa war etwas älter als ich. Sie arbeitete in einem Musikgeschäft in einem nahegelegenen Einkaufszentrum. Kürzlich hatte sie sich von ihrem langjährigen Freund getrennt, mit dem sie die Wohnung bezogen hatte. Ihr Zimmer war dunkelblau, mit vielen gelben Flecken gesprenkelt. An den Wänden hingen Marylin-Manson-Poster. Sie lachte viel und dreckig. Wir waren uns sofort einig.

Mein erster Arbeitstag war ein kalter Tag im Februar. Fuessner teilte mich für die Lieferungen ein. Er ordnete mich damit am untersten Ende der Hiercharchie ein. Mein Job war es, mehrere Male am Tag Euro-Paletten mit der neuen Ware anzunehmen und zu entladen. Da es keinen von den Blicken der Kunden abgeschirmten Bereich gab, musste ich die Palette mitten im Geschäft leeren. Das musste schnell gehen, denn Fuessner war der Ansicht, dass die Paletten die Kunden vom Kaufen abhielten. Nervös überprüfte er alle paar Minuten, wie weit ich mit dem Abräumen war.
Leider verlangte Fuessner auch, dass jede Lieferung akribisch auf Vollständigkeit geprüft wurde. Wurden große Aquarienkombinationen oder Katzenklos geliefert, war das nicht weiter schwierig. Der typische Lieferschein aber sah etwa so aus:

15 * 24 Whiskas Schale Terrine mit 3 Sorten Geflügel
15 * 24 Whiskas Schale Terrine mit Ente
15 * 24 Whiskas Schale Terrine mit Forelle

12 * 30 100g-Frischebeutel Varianten mit Geflügel in Gelee
12 * 30 100g-Frischebeutel Herzhaftes Ragout in Soße
12 * 30 100g-Frischebeutel Zarte Leckerbissen in Soße
12 * 30 100g-Frischebeutel Senior: Leckere Vielfalt in Soße

24 * 800g Rinti Rind
24 * 800g Rinti Geflügelherzen
24 * 800g Rinti Wild

30 * Rinderpansen-Mix 500g geruchsarm verpackt
20 * Welpen-Mix 500g geruchsarm verpackt
30 * Seniormix 500g

12 * 100 Ds. Sera Viformo-Futtertabletten
15 * 25 Fl. Sera nitrivec
90 * Sera Vipan Flockenfutter

Offenbar war Fuessner mal von einem Lieferanten um einige Kilo Katzenfutter betrogen worden. Seitdem ließ er jede Lieferung bis auf die letzte Dose kontrollieren. 15 Stiegen mit je 24 Dosen Katzenfutter konnte ich also nicht von außen nachzählen und abhaken. Ich musste jede Dose einzeln abzählen. “Man darf nicht naiv sein”, sagte Fuessner, als er mir das Entpacken erklärte. “Da draußen gibt es zu viele Arschlöcher.”

Hatte ich die Ware nach Stunden endlich abgezählt, musste ich sie ins Regal stellen, allerdings hinter die älteren Artikel. Besonders bei Futterdosen, die nicht stabil aufeinander standen, konnte man dabei den letzten Nerv verlieren, weil die Dosen-Türme mit dem Sonntags-Fischragout von Sheba immer wieder einstürzten.
In den ersten Wochen verbrachte ich achtzig Prozent meiner Zeit mit den Lieferungen. Die restlichen zwanzig gingen für das Zusammenfalten, Verpacken und Entsorgen der immensen Pappemengen drauf, die mit jeder Lieferung kamen. Das Gute am Pappemachen war, dass sich der Pappcontainer auf einem Hof hinter dem Laden befand. So konnte ich mich jeden Tag für eine gewisse Zeit den Anweisungen, Kontrollen und Ratschlägen Fuessner und der anderen Kollegen entziehen. Leider war die Rampe am Hinterhof auch die Raucherecke. Besonders, wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig zum Rauchen kamen, war man den Tipps zum korrekten Zusammenfalten der Pappe gnadenlos ausgeliefert.

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