II - Es ist nicht gut, aber…

Dies hier war eine andere Welt. Der Markt von Herrn Fuessner lag am Rand eines riesigen Gewerbegebiets zwischen dem bürgerlichen Hamburger Vorort Oststeinbek und Billstedt, einem Stadtteil, in den man noch heute Journalisten schickt, wenn eine brutale Ausländergeschichte gebraucht wird. Die Pufferzone zwischen diesen ungleichen Gebieten war das Gewerbegebiet, in dessen Zentrum sich ein Wal-Mart und ein Baumarkt befand. Nicht weit entfernt stand Herr Fuessners Markt. Hier wohnte niemand. Die nächste menschliche Behausung war mehrere Kilometer entfernt.
Wir hatten vereinbart, dass ich drei Tage zur Probe in dem Markt arbeiten sollte. Fuessner warf mir eine Weste zu. Sie war eine bewusste Demütigung des Trägers, die dem Kunden deutlich machen sollte, dass der Mitarbeiter ihm gänzlich ergeben sei und sich von ihm alles, selbst schlimmste Beleidigungen und Beschimpfungen anhören würde. Sie war knallrot und am hinten so kurz geschnitten, dass sie die Hälfte des Rücken frei ließ. Auf der linken Brustseite war das Logo des Ladens aufgedruckt, eine Zeichnung eines Hundes und einer Katze, die glücklich waren, dass sie Lebensmittel aus Fuessners Laden bekommen. Darunter war ein Name aufgedruckt: M. Bender. Diese Weste war eine Zäsur. Bis hier hin war ich ein vielversprechender junger Mann, der für ein Trainee-Programm in ein erfolgreiches Unternehmen ging. Jetzt war ich Bangel und sollte als erstes den Boden wischen, auf den eben ein kleines Kind gekotzt hatte. Fuessner trug als einziger im Laden keine Weste.
In den nächsten drei Tagen begleitete ich einen 16-jährigen Angestellten. Er ließ mich spüren, dass er glücklich war, jetzt nicht mehr der unterste in der Hiercharchie zu sein. Er war klein, dick, dumm und autoritär. Mit gewichtiger Miene erklärte er mir, wie man am schnellsten Katzenfutterdosen im Regal nach vorne dreht. “Schau genau zu, wie ich das mache!”, sagte er, als er mir zeigte, wie man Pappe zerkleinert und in den Müll wirft. “Hast Du alles verstanden?” Danach ließ er mich die Pappe zerkleinern und beobachtete, ob ich das richtig machte. Ich machte es nicht richtig, fand er.
Der Kleine machte mich nach kurzer Zeit wütend. Am schlimmsten war, dass er auch noch gemocht werden wollte. Dass ich ihm drei Tage lang zugeteilt war, wertete er als Zeichen des Interesses an ihm. Nach Feierabend begleitete er mich. Dummerweise hatte ich gesagt, woher ich stamme. Nun glaubte er, mich mit westdeutschen Gepflogenheiten vertraut machen zu müssen. “Kennst Du Döner? Das ist türkisch und schmeckt saulecker.”
Was sollte ich sagen, als die drei Tage vorüber waren? Ich wollte den Laden gründen, ich wollte das Geld und ich wollte in eine neue Stadt. Einige Tage später rief ich Fuessner an und sagte zu. Fuessner sagte noch, er freue sich auf mich.

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4 Antworten zu “II - Es ist nicht gut, aber…”

  1. Friederieke sagt:

    Christian Bangel: Gimme more!

  2. Angela sagt:

    Hihi, juhu, Du lenkst mich grade richtig schön vom Abtippen meines Interviews ab. Und: So was will ich auch über Deine Zeit bei den Grünen lesen, versprochen?

  3. admin sagt:

    Da kannst Du wetten! Da werde ich nur leider andere Grafiken als die hier im Blog benutzen müssen.

  4. Mathias Richel sagt:

    Das sind Steilvorlagen steiler als die Eiger Nordwand. Aber ich bin mal noch kurz ruhig, ganz ruhig, ruhig, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, ruhig. Klappt …

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