I - Warum eigentlich nicht?

Als ich zwanzig war, dachte ich, das Leben sei ganz einfach. Ich leistete meinen Zivildienst ab und verlebte ein Jahr, das noch sorgenfreier war als die Abiturzeit. Der Staat zahlte mir nicht nur ein fürstliches Gehalt, sondern finanzierte mir auch eine Plattenbauwohnung, die genau zwischen den zwei einzig relevanten Clubs meiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) lag.

Der Zivijob, den ich für diese Wohnsituation zu versehen hatte, war völlig schmerzfrei. Ich arbeitete an einer integrierenden Gesamtschule, an der es neben gesunden Schülern auch einige körperlich oder geistig behinderte Kinder gab. Meine Aufgabe war es, jeden Tag einen halbautistischen sechsjährigen Jungen namens Micha in die erste Klasse zu begleiten und im dabei zu helfen, dem Unterricht zu folgen. Micha konnte ziemlich gut lesen und sehr gut rechnen.
In meiner freien Zeit fühlte ich mich meist ganz fantastisch. Die meisten Menschen stellen sich unter Frankfurt (Oder) etwas Schlimmes vor. Doch es gab dort großartige Künstler, Breakdancer, Sprayer, DJs. Andere hatten erstaunliche Führungsqualitäten. Viele konnten unglaublich gut reden. Natürlich konnten auch eine Menge Leute nichts. Doch auch die wussten immer von neuen Ideen und Projekten zu berichten, die irgendjemand gerade wieder entwickelte.
Das wirkte nach. Wir hatten das Gefühl, dass der Rest Deutschlands, ja, der Welt auf uns wartete. Das ging sogar soweit, dass sich eine große Gruppe fand, die ernsthaft plante, einen Masseneintritt in die Frankfurter SPD zu organisieren. Sie wollten den Bürgermeister stellen.
Ich selbst hatte damals vor, Bundeskanzler zu werden. Oft schritt ich mit Helmut-Schmidt-Mine und einer Tageszeitung unterm Arm durch die Stadt. Ich hatte vor, nach meinem Zivildienst zunächst ein Praktikum beim SPIEGEL zu machen, um dann mit meinen frischerworbenen Kenntnissen in die Politik einzusteigen und groß rauszukommen.
Es ging mir also gut, als mich mein Onkel an diesem Abend im August ansprach. Er hatte sich nach der Wende mit einer Zoofachmarkt-Kette selbstständig gemacht. Wie viele Ostdeutsche, die in Opposition zur DDR standen, sah er die USA als das einzige Land an, an dem wirkliche Freiheit herrschte.
Mein Onkel erklärte mir, er wolle Jacksonville, Florida, eine Filiale gründen, um dort eine Art Kaderschmiede für seinen Führungsnachwuchs aufzubauen. Ich nickte interessiert, während ich an einem Stück Entenfleisch kaute. Er sagte, ich sei ein junger, dynamischer Mann. Er schätze mich. Ich machte ein abwehrendes Geräusch, während ich von meinem Bier trank. Er fragte, ob ich Lust hätte, diese Filiale für ihn zu gründen. Er böte mir 30.000 Mark. Ich verschluckte mich und hustete.
Doch der Gedanke gefiel mir. Einen Laden zu gründen und dafür unglaublich viel Geld zu kassieren, entsprach genau dem, was ich mir vorgestellt hatte. Schließlich musste ich Führungserfahrung sammeln, wollte ich in der Politik weiterkommen. Und betriebswirtschaftliche Erfolgsgeschichten waren genau das, was man von Spitzenpolitikern heute hören wollte. Es würde später gerade einem Linksliberalen wir mir gut zu Gesicht stehen, in TV-Diskussionen auf meine Erfahrungen in diesem Bereich verweisen zu können. Das einzige kleine Problem war, dass ich zuwenig von der Branche wusste. Genauer gesagt, ich wusste nicht einmal, was Katzenstreu war. Aber das sollte nicht das Problem sein. Mein Onkel war gut verdrahtet und ich lernfähig. Er stellte mir drei Städte zur Auswahl, in denen ich eine Zeit lernen sollte, bevor ich rübermachen würde: Bremen, Köln, Hamburg.
Einige Wochen später saßen wir in einem italienischen Restaurant in Hamburg. Mit am Tisch saß Bernd Fuessner, der Besitzer eines zweigeschossigen Zoofachmarktes in einem Gewerbegebiet. Er und mein Onkel unterhielten sich einige Zeit über Geschehnisse in der Branche. Als der Kellner die Hauptspeise gebracht hatte, sah Fuessner mich über seine runde Brille an und sagte:
“Meine erste Frage ist: Duzen oder siezen?”
Ich war erfreut. Das war offenbar ein moderner Chef, der auf flache Hierarchien setzte.
“Gern duzen!”, sagte ich.
“Gut. Mein Name ist Herr Fuessner, ich werde gesiezt. Ich hoffe, Du wirst gut in unser Unternehmen passen.”
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2 Antworten zu “I - Warum eigentlich nicht?”

  1. Arno sagt:

    Schön! Gerne mehr…

  2. Mathias Richel sagt:

    Katzenstreu war das Zeug, was sich auf deiner Couch in dem Plattenbau sammelte. Und das ist leider die traurige Wahrheit.
    Ich lese jetzt weiter.

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